Hank

und das letzte Buch

Zielgruppe: Menschen in der tiefsten Midlife-Krise
Seiten: ca. 200

Hank hat Angst, dass die Wörter aufgebraucht werden könnten.
Alle Wörter. Alle Sätze. Einfach überall.
Alles schon einmal geschrieben oder gedacht.

Was wird dann passieren?

Hank fürchtet sich vor dem Ende der Worte.
Aber niemand glaubt ihm. Sie halten ihn für verrückt.
Aber Hank ist nicht verrückt.
Natürlich nicht.

Er muss das letzte Buch finden, die letzten Worte.

Leseprobe

Anfang des Buchs


Samstag

 

Ich heiße Hank.

Hank, nicht "Hänk".

Meine Eltern haben mir gesagt, das sei ein skandinavischer Name. Ich habe das nie geglaubt. Jeder sagt "Hänk" und ich sage "Nein, es ist nur Hank" und dann sagen alle "Ahh, wie ungewöhnlich".

Mein Therapeut sagt, ich soll das alles aufschreiben.

Eigentlich brauche ich keinen Therapeuten. Es ist nicht so, dass ich wirklich krank im Kopf wäre. Aber andere sagten mir, ich solle mal einen Therapeuten aufsuchen. Warum nicht, dachte ich mir. Ich finde die Idee gut, dass jemand dafür bezahlt wird, sich alle meine Geschichten anzuhören. Wer hört sonst schon zu? Der eine redet und die anderen warten, bis sie an der Reihe sind.

"Hank ohne ä, das ist aber ungewöhnlich. Ich hatte mal eine Tante in Kanada, die hieß Sascha. Sonst ist das ja immer nur ein Männer-Name. Auch sehr ungewöhnlich."

Ein Therapeut darf seine eigenen Geschichten gar nicht erzählen. Er hört nur zu und muss so tun, als ob ihn das alles wirklich interessiert. "Hm, interessant, Hank ohne ä, woher kommt dieser Name? Fühlen Sie sich damit wohl?"

Aber offenbar war es denn doch zu viel und jetzt soll ich hier alles aufschreiben.

 

Auch gut. Ich weiß nicht, ob das hier jemals irgendwer lesen wird. Aber ich denke, ich sollte wohl ganz vorne anfangen. Man weiß ja nie.

 

Also mein Name ist Hank, ohne ä, nur Hank.

Ich bin 45 Jahre alt, aber das kann sich täglich ändern. (Witz)

Darf ich in so einem Buch Witze machen? Versteht man, dass es ein Witz ist und dass ich nicht krank im Kopf bin? Vielleicht sollte ich Witze irgendwie kennzeichnen.

 

Ich möchte doch lieber am Ende beginnen. Also warum ich eigentlich das hier alles aufschreibe. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es ist wegen dieser Sache mit den aufgebrauchten Wörtern. Mag sein, dass ich nach Vaters Tod immer seltsamer wurde, jedoch so richtig seltsam nun doch nicht, aber ich vermute, diese Sache mit den Wörtern, das war für meine Freunde dann doch zu viel. "Bisher war er ein komischer Kerl, aber das geht jetzt zu weit. Er sollte mal einen Therapeuten aufsuchen", das werden sie gesagt haben. Eigentlich nicht schlecht, wenn sich jemand Sorgen und Gedanken macht, auch wenn das mit den Wörtern gar nicht so verrückt ist, wie alle denken.

Ich sollte wirklich mit den Wörtern anfangen, dann versteht man vielleicht als weitere besser, also das was vorher passiert ist.

Vielleicht auch nicht.

 

Aber es ist wichtig, dass es jeder versteht. Immerhin ist es eine globale Sache. Jeder ist betroffen. Die ganze Welt. Natürlich, sonst wäre es nicht global. Es ist bedeutender als meine Person oder meine Geschichte. Auch wenn ich natürlich verstehe, dass ich in diesen Seiten hier über mich schreiben soll.


Ja, meist fühle ich mich mit meinem Namen wohl. So oft benutzt man ihn im Alltag ja auch nicht.

     Hank, wissen Sie, warum Ihre Freunde wollen, dass Sie mit mir sprechen?

Nein.

     ...

Gut, ich vermute, wegen dieser Geschichte mit dem Ende. Den Wörtern.

     Können Sie es mir erklären?

Es ist das Ende, was gibt es da zu erklären?

     Sie wirken wütend. Sind Sie wütend?

Nein, ich bin nicht wütend. Ja, doch, ich bin wütend. Es ist nicht Ihre Schuld, natürlich nicht. Es ist ganz einfach, also das mit den Wörtern, aber es klingt verrückt und deshalb kann ich es niemandem erzählen und wenn ich es jemandem erzähle, dann glaubt er es nicht. Er glaubt, ich sei krank im Kopf, verrückt, weil es verrückt klingt, aber ich weiß natürlich, dass es verrückt klingt. Aber nur weil etwas verrückt klingt, muss es nicht verrückt sein, nicht wahr?

     Nicht unbedingt, nein.

Ha, das sagen alle: Hank, Du bist nicht verrückt, nur die Geschichte mit den Wörtern und dem Ende, das klingt verrückt. Ich kann es also niemandem erzählen, aber ich muss es erzählen. Und ja, das macht mich wütend.

     Wut entspringt immer dem Gefühl der Ohnmacht.

 

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